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Ironie pur: BILD ficht für die Meinungsfreiheit

Ironie pur: BILD ficht für die Meinungsfreiheit

dju Landesfachgruppe Nordrhein-Westfalen

Samstag, 22. August. Fette Lettern auf dem Titel. TV-Skandal. Zensur. Die BILD-Zeitung zelebriert, dass Frank Plasbergs Talk „Hart aber fair“ vom 2. März 2015 nicht mehr in der Mediathek steht. Die ARD sei eingeknickt vor dem WDR-Rundfunkrat und den Frauenverbänden, die die Sendung kritisiert haben. Latent keifend natürlich, humorlos-verbissen und irgendwie – na jeder weiß ja, wie diese Gleichstellungsfrauen drauf sind. Das muss ein Journalist nicht näher ausführen. Am Montag, 24. August, reicht die BILD empörte Stimmen nach – und will offensichtlich energisch dran blieben. Denn sie ruft weiterhin Rundfunkratsmitglieder an.

Wie beinahe immer ist kein Platz für die ganze Wahrheit. Seit März gab es Briefwechsel und Gespräche mit den Machern der Sendung. Und nachdem WDR-Intendant Tom Buhrow sechs Beschwerdeführerinnen nicht Recht gab, gingen sechs Programmbeschwerden gegen den Plasberg-Talk „Nieder mit den Ampelmännchen – Deutschland im Gleichheitswahn?“ beim Rundfunkrat ein. Der Programmausschuss diskutierte – wie immer nichtöffentlich und empfahl Ablehnung der Beschwerden. Der Rundfunkrat diskutierte öffentlich und lehnte die Programmbeschwerden mit Mehrheit ab. Der Grund: Es war kein Gesetzesverstoß in Sicht.

Allerdings auch keine gut gemachte Sendung. Rundfunkratsmitglieder kritisierten in ihrer öffentlichen Sitzung, dass Moderator Frank Plasberg schon in der Anmoderation Gleichstellung lächerlich machte und die Gästeschar unter anderem mit Für-alles-gut-FDP-Mann Wolfgang Kubicki irritierte. Das Wort unseriös fiel. Und der Rundfunkrat begrüßte, dass der WDR, wie von Fernsehdirektor Jörg Schönenborn angekündigt, von Wiederholungen absehen will und das Stück auch aus der Mediathek nimmt. Für mich klingt das nicht nach Zensur, sondern nach kluger, wenn auch (zu) später Einsicht.

Denn, um es klar zu sagen: Die WDR-Redaktion hat die Hoheit über ihre Sendungen. Der Rundfunkrat macht kein Programm – und als Journalistin finde ich das selbstverständlich richtig. Aber der Rundfunkrat hat die Aufgabe über Qualität zu diskutieren. Auch pointiert. Und genau das hat er getan.

Persönlich finde ich: Selbst wenn „Hart aber fair“ nicht für Information sondern für Unterhaltung steht, den Vollmacho muss Frank Plasberg nicht geben. Und dass ihm dies vor lauter Männer-Witzigkeit während der Sendung nicht in den Sinn gekommen ist, spricht wenig für ihn. Schließlich ist er Moderator und nicht Partei   . . .

Aber: Ja, die Beteiligten – mich eingeschlossen – haben nicht bedacht, dass die Karte Meinungsfreiheit gezogen wird, wenn eine Sendung aus der Mediathek verschwindet . . . schließlich rufen weder die BILD noch die Blätter anderer Verlage nach der Meinungsfreiheit, wenn über 80 Prozent der öffentlich-rechtlichen Sendungen nach kurzer Frist – Achtung: 7 Tage oder im Sport gar 24 Stunden! – in der Mediathek gelöscht werden müssen.

Im Gegenteil: Gerade warnen die Verleger vor der Abschaffung eben dieser Frist, weil die Medienpolitiker der Parteien den öffentlich-rechtlichen Sendern mehr Spielraum im Netz geben wollen – zum Wohle der Nutzer, die mit ihren Beiträgen das öffentlich-rechtliche Programm bezahlen. Neue Koalitionen zum Wohle der Meinungsfreiheit? Ich warte darauf, dass der Springer-Konzern und seine Verlegerkollegen Seit‘ an Seit‘ mit uns Journalisten und Journalistinnen kämpfen.

Ruth Lemmer, für ver.di-dju-NRW Mitglied im WDR-Rundfunkrat

25. August 2015