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Heinrich Hollmann wird 95 Jahre

Heinrich Hollmann wird 95 Jahre

dju Ostwestfalen-Lippe

Dass gewissermaßen "auf Befehl von oben" mit einem Federstrich die gewerkschaftliche Bildungsstätte "Heinrich-Hansen-Haus" in Lage-Hörste geschlossen werden sollte (und seit dem 31. Dezember 2015 auch ist), das hat sich Heinrich Hollmann nicht einfach bieten lassen. Der langjährige Sekretär der IG Druck und Papier (heute Verdi Fachbereich 8) in Bielefeld und zweite Landesvorsitzende seiner Gewerkschaft wird am 16. März 95 Jahre alt.

Nichts von seinem Temperament hat er verloren, er ist noch immer unbequem, gradlinig, beharrlich, humorvoll und diskussionsfreudig. Sein gutes Gedächtnis ist legendär. 1952 hatte er angeregt, auf besondere Veranstaltungen zum 75-jährigen Bestehen des Ortsvereins zu verzichten, und stattdessen den kurz zuvor von ihm, Magdalene Brünung und Hans Tabat gegründeten „Verein Graphisches Jugendheim e. V. Bielefeld“ zu fördern und 10.000 Mark für den Bau des Hauses in Hörste zu stiften. Hollmann war maßgeblich am Aufbau des später so benannten Heinrich-Hansen-Hauses (nach dem ersten Vorsitzenden der IG Druck und Papier) beteiligt, das sich zu einem bundesweit bekannten und renommierten gewerkschaftlichen Bildungszentrum entwickelte.

Heinrich Hollmann ver.di Heinrich Hollmann  – Links Holger Menze, langjähriger Leiter des Heinrich-Hansen-Hauses, rechts Franz Kersjes, früherer Landesvorsitzender der IG Druck und Papier."

„Die erste Wellblechbaracke erhielten wir von Emil Groß, dem Verleger der Freien Presse, das war das alte Papierlager, das dem Bau des Druckhauses Karl-Eilers-Straße weichen musste“, erinnerte er sich. Die beschlossene Schließung des Bildungszentrums durch den Verdi-Bundesvorstand bezeichnete er als Katastrophe für die gewerkschafts- und gesellschaftspolitische Bildungsarbeit. In Video-Interviews setzte er sich im abgelaufenen Jahr in seiner sachlichen Art für den Fortbestand der Einrichtung ein - vergeblich. Doch davon hat er sich nicht beeinträchtigen lassen.

Hollmann hatte in Lemgo Schriftsetzer gelernt und war von 1939 bis 1950 beim Wilhelm-Bertelsmann-Verlag in Bielefeld beschäftigt. Am 1. Februar 1946, nach Arbeitsdienst und Kriegseinsatz bis 1945, wurde er offizielles Mitglied der IG Druck und Papier: „1945 hatte die in Bielefeld noch keine Schreibmaschine für die Mitgliedskarten“, berichtete er. „Die Suche nach der politischen Orientierung hat etwas länger gedauert. 1950 bin ich in die SPD eingetreten.“

Da hatte Hollmann bereits als gewerkschaftlicher Vertrauensmann bei Bertelsmann (zusammen mit Heinz Fischer, dem späteren Betriebsratsvorsitzenden von küster+ pressedruck) gearbeitet, war 1948 zum Betriebsratsvorsitzenden gewählt worden. „1950 habe ich mich drängen lassen, als Sekretär des Ortsvereins zu kandidieren.“

Von 1965 bis 1983, als er in Rente ging, war Hollmann zweiter Landesvorsitzender der IG Druck und Papier, machte danach noch Krankheits-Vertretung in Bielefeld und gründete mit Inge Trox (ehemalige Betriebsratsvorsitzende der Neuen Westfälischen, gestorben 2010) 1989 die Bielefelder Seniorengruppe seiner Gewerkschaft. 15 Jahre lang erforschte er außerdem akribisch die Geschichte der IG Druck und Papier und ihrer Vorläufer in Bielefeld. Dabei fand er heraus, dass sie viel älter ist als angenommen und bis ins Jahr 1867 zurückreicht.

Und heute? Er vermisst schlagkräftigere Gewerkschaften. 1886 hatten Setzer und Drucker einer Bielefelder Zeitung wochenlang für bessere Arbeitsbedingungen gestreikt: "Sie hatten den Mut, für ihre Sache einzutreten, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Wem heute Mut und Entschlossenheit fehlen, dem ist nicht zu helfen."

„Außer dass ich schlecht gehen, schlecht sehen und schlecht hören kann, geht es mir nach wie vor gut“, sagte Hollmann. In seinem Haus in Senne schaut der Musikfan auf dem TV-Großbildschirm gerne Opern oder hört - entsprechend laut - klassische Musik. Oder er verfolgt mit eigenen lautstarken Kommentaren Sportübertragungen. (Frank Bell)

16. März 2016

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