dju OWL

Zeitungszusteller: Unterwegs, wenn alle anderen noch schlafen

Zeitungszusteller: Unterwegs, wenn alle anderen noch schlafen

von Heide Platen (Text) und Veit Mette (Fotos)

Bezirk 01086, Tour 1141

Ginge es nach der CDU/CSU und den Zeitungsverlegern, würden die 300.000 Zeitungszusteller/innen in Deutschland vom gesetzlichen Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro pro Stunde ausgeschlossen. Auf Tour mit einem Zusteller, der das ganz anders sieht.

Wie ein roter Blitz im trüben, gelblichen Licht der Straßenbeleuchtung. Hans-Dietmar Hölscher (63), genannt Didi, geht auf Tour in der nächtlichen Altstadt von Bielefeld. Der Zeitungszusteller ist unterwegs, wenn alle anderen noch schlafen. Er kenne, sagt er, alle Briefkästen im Viertel rund um das Rathaus, "nicht aber die Menschen, die dahinter stecken". Manchmal trifft er einige, wenn sie zu lange gefeiert haben und auf dem Heimweg sind.

Im dunklen Schatten der Nicolaikirche am Ende der Niedernstraße stapeln sich um drei Uhr nachts vor dem Verlagsgebäude der Neuen Westfälischen (NW) die Zeitungsballen, liegen mehr oder minder vorsortiert für die Zusteller bereit. Die Firma, Neue Westfälische Logistik (NWL), eine Tochtergesellschaft der NW, liefert auch das konkurrierende zweite Lokalblatt, das Westfalen-Blatt, und etliche überregionale Zeitungen aus, täglich insgesamt über 140.000 Exemplare, rund 1.200 Zusteller/innen sind unterwegs.

Didi Hölscher belädt seinen Wagen und fährt nur eine Straße weiter. Das erste Exemplar bekommt ein Dauergast in einem Hotel neben dem Rathaus, dann eine Gaststätte und eine Bank. Um die Ecke füllt er die Briefkästen eines Seniorenstifts. Dort parkt Hölscher und packt die beiden Stofftaschen seines Handkarrens voll, rund 40 bis 60 Kilogramm Papier täglich. Die restliche Runde durch seinen Bezirk 01086, Tour 1141, flitzt er zu Fuß, oft lange Strecken für eine Lieferung, dann wieder hin und her, kreuz und quer über die Gassen, in finstere Hinterhöfe, Toreinfahrten, Treppen hoch und runter. Als ein Bewegungsmelder reagiert und eine ganz besonders stockdunkle Einfahrt fast taghell erleuchtet, strahlt auch Didi Hölscher: "Hier wohnt ein ganz besonders netter Kunde."

Hölschers Tempo ist atemberaubend

Zusteller Didi Hölscher 1 Veit Mette Auf dem Weg zur Arbeit.

Die Widrigkeiten seines Berufs sind für Außenstehende oft kaum zu erkennen. Architekten, die Türen planen, bei denen die Briefschlitze unten, kaum über dem Fußboden sitzen, möchte er für diesen anstrengenden Kniefall am liebsten im Namen aller Zusteller wegen Ignoranz bestrafen. Einige Eingänge weiter hat sich jemand Postkästen ausgedacht, die er nur auf Zehenspitzen, die Hände hoch über dem Kopf, erreichen kann: "Und dabei bin ich 1,78 groß." Hölschers Tempo ist atemberaubend. Die NWL schreibt ein enges Zeitfenster vor. Bis sechs Uhr morgens müssen alle Kunden versorgt sein.

Das aber ist nicht der einzige Grund für seine Eile. Er braucht noch ein paar Stunden Schlaf, einen schnellen Kaffee nur, dazu die Lektüre der Zeitungen, der sogenannten "Botenexemplare", kostenloses Deputat für Zusteller/innen. Das ist für ihn eine Erholungspause, aber auch die Kontrolle. Wenn am Ende der Tour nur die übrig sind, hat er alles richtig abgeliefert. Fehler und Reklamationen werden ihm am nächsten Tag auf dem Begleitzettel mitgeteilt, der auch alle Änderungen der Zustellung auflistet. Und die sind vielfältig: "Ich finde, dass Zustellung richtig kompliziert geworden ist." Die Verlage bedienen Abonnenten ganz nach Wunsch: bitte nur Montag, Mittwoch, Samstag, nur Montag bis Freitag oder Montag bis Mittwoch, Samstag, Änderungen täglich vorbehalten.

Hölscher plant seine Runde wie ein Generalstabschef, rechnet in Minuten und Metern den optimalen Weg aus: "Ich habe die Zeiten selber gestoppt." Dabei habe er eigentlich eine ganz angenehme Tour. Andere Zusteller treffen es schlechter, auf dem Land zum Beispiel mit richtig langen Wegen bergauf, bergab. Von der Witterung einmal gar nicht zu reden. Auch in Sturm und Regen dürfen die Zeitungen nicht nass werden. Im Winter, bei Schnee und Glatteis, ist um diese Uhrzeit weder geräumt noch gestreut. Dunkle Wege und vereiste Treppen werden zur Lebensgefahr. Ein alter Kollege habe ihm am Anfang, vor gut neun Jahren, gesagt, er erkenne gute Zusteller sofort: "Wenn du den ersten Winter überstehst, dann schaffst du es."

Kontakt