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Es ist ein trauriger Anlaß, der mich heute an Sie schreiben läßt

Es ist ein trauriger Anlaß, der mich heute an Sie schreiben läßt

Jörg Tuschhoff, (Koordinator der WR-Leserbeiräte

Liebe Mitglieder der Leserbeiräte der Westfälischen Rundschau,

es ist ein trauriger Anlaß, der mich heute an Sie schreiben läßt.

In einer Mitarbeiterversammlung haben die drei Geschäftsführer der WAZ-Medien-Gruppe, Manfred Braun, Christian Nienhaus und Thomas Ziegler, der Belegschaft mitgeteilt, dass alle Redakteure und Redakteurinnen sowie die kaufmännischen Angestellten die Kündigung erhalten werden. Das sind im Zeitungsverlag Westfalen, der die WR herausgibt, rund 120 Beschäftigte. Wie Geschäftsführer Braun feststellte, „wird die WR in ihrer Form so nicht weiter geführt.“ Sie bleibe als Titel zwar erhalten, aber die redaktionellen Lokalseiten würden von den örtlichen Konkurrenz-Zeitungen zugekauft und der überregionale Teil („Mantel“) werde in Essen beim Contentdesk der WAZ hergestellt. Die Umstellung soll Ende Januar/Anfang Februar geschehen. Die Westfälische Rundschau wird nach 67 Jahren ihre redaktionelle Eigenständigkeit verlieren. Die lokalen Teile werden künftig in Dortmund, Lünen und Schwerte von den „Ruhrnachrichten“ geliefert, in Unna und Kamen vom „Hellweger Anzeiger“ im Märkischen Kreis von der „Märkischen Verlagsgesellschaft“ und für die beiden Ausgaben im Ennepe-Ruhr-Kreis (Gevelsberg-Ennepetal-Schwelm und Wetter-Herdecke) von der „Westfalenpost“, die dafür zwei neue Redaktionen einrichten soll, nachdem sie ihre eigenen vor etwas mehr als zwei Jahren aufgeben musste.

Die Mitarbeiter, die erst am Tag zuvor durch die Geschäftsleitung zu dem Termin geladen worden waren, nahmen die Mitteillungen fassungslos entgegen. Auch Chefredakteur Malte Hinz zeigte sich tief erschüttert. Zwar hatten sich nach der 20-Prozent-Einspar-Ankündigung im vergangenen Herbst Gerüchte und Befürchtungen um Teilstilllegungen ergeben (die beiden letzten Beirats-Mitteilungen), aber die Gesamtschließung aller Redaktionen hatte niemand erwartet. Sie bedeutet unter anderem, dass in der zweitgrößten Stadt in Nordrhein-Westfalen, Dortmund, die Leser künftig nur durch eine Zeitungsredaktion informiert werden. Eine Entwicklung, die bisher kaum vorstellbar war.

Begründet wird die Totalschließung mit dem enormen Defizit, das die WR in den letzten Jahren eingefahren habe. Geschäftsführer Nienhaus nannte eine Summe von 50 Millionen Euro in den letzten fünf Jahren. Die dramatisch zurückgegangenen Anzeigen- und Vertriebserlöse hätten für die Zukunft keine Besserung erwarten lassen.

Betriebsrat und Belegschaft kündigten an, dass sie die aus ihrer Sicht nicht nachvollziehbare Schließung der Redaktionen nicht kampflos hinnehmen werden. Der vereinbarte Sozialplan sei kein Arbeitsplatzersatz. Sie wollen die Öffentlichkeit über die Schließung und ihre Auswirkungen auch auf das gesellschaftliche Leben vor Ort mit verschiedenen Veranstaltungen informieren und dabei die Politik in ihre Aktionen einbeziehen.

Für die Leserbeiräte der Westfälischen Rundschau, die sich bisher engagiert für „ihre“ Zeitung eingesetzt haben, ergibt sich aus dieser Entwicklung nur eine Konsequenz: Da eine Zusammenarbeit mit den WR-Redaktionen angesichts ihrer Schließung nicht mehr möglich ist, Kritik und Anregungen also ins Leere gehen, macht die Arbeit der Leserbeiräte keinen Sinn mehr.

Deshalb habe ich mir ,nach Absprache mit Verlag und Chefredaktion die traurige Pflicht auferlegt, Ihnen mitzuteilen, dass die Leserbeiräte aufgelöst werden. Es wäre allerdings schön, wenn Sie die Aktionen der Redaktionen noch positiv begleiten würden und gegenüber den Verantwortlichen in der Geschäftsführung der WAZ-Gruppe Ihre Meinung kundtun.

Herzlichen Dank für Ihren Einsatz und Ihre Mitarbeit, die mir und den Redaktionen viel geholfen haben.

Ihr
Jörg Tuschhoff
(Koordinator der WR-Leserbeiräte)

Leserbeiräte der Westfälischen Rundschau
Brüderweg 9 + 44135 Dortmund + 0152-31047866 + leserbeirat@westfaelische-rundschau.de

aus: Medienmoral NRW

15./16 Januar 2013