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Aus dem WDR-Rundfunkrat: Beim Ball geht’s rund

Aus dem WDR-Rundfunkrat: Beim Ball geht’s rund

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Januar 2015. Deutschland im Viertelfinale. Das junge Bundesteam der Handballer schaffte es bei der Wüsten-Weltmeisterschaft in Doha gegen alle Erwartung auf den siebten Platz. Die Teilnahme an Olympia 2016 ist gesichert. Mit jedem erfolgreichen Spiel wurde die Kritik in den Medien leiser an der fragwürdigen Wildcard, mit der Deutschland aufspielte, weil die Mannschaft den Wurf in die Elite allein nicht geschafft hatte. Ach ja, und wo fand die WM statt? In der absoluten Monarchie Katar – auch von der hörte und las man fast nur noch Freundliches, weil alles so prima lief.

Stattdessen wurde der öffentlich-rechtliche Rundfunk gescholten. Die Sender hätten nicht genug Geld locker machen wollen für die Superspiele in Katar. Darum ging es zwar nicht, als die Verhandlungen platzten. Denn ARD und ZDF sollten die Satelliten-Verbreitung komplett verschlüsseln, damit die Al-Jaazera-Tochter beIN Sports in Arabien ihr exklusives Senderecht ungestört über Satellit vermarkten konnte – was 17,8 Millionen deutsche TV-Haushalten ein schwarzes Bild beschert hätte. Aber das ist irgendwie technisch und politisch zu komplex oder? Geld und die öffentlich-rechtlichen Sender, die nicht richtig wirtschaften, das ist einfach ein Selbstläufer, bei dem Recherche die eingängige Titelzeile nur kaputt macht.

Wüstensand von gestern? Nicht so ganz. Denn lehrreich für mich und wahrscheinlich auch andere Rundfunkratsmitglieder war das Handballtheater aus einem Grund, der erst 2022 auf den Bildschirm kommt: die Fußball-Weltmeisterschaft. Im November 2014 entschied der WDR-Rundfunkrat nach einer über zweistündigen, ausgesprochen konträren, aber sachlich-fairen Diskussion in Bochum mit klarer Mehrheit, den Ausgaben für die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar zuzustimmen, damit der Ballsport Nummer 1 für alle Fans im TV (und auf den sicher wieder zahlreichen Großleinwänden in beinahe jeder Stadt) zu sehen und zu bejubeln sein wird. Frei empfangbar heißt das Zauberwort, Pay TV das Sky-Gegenmodell. Der Monatsbeitrag von 17,98 Euro, dem, der ohnehin für die 11 Fernseh- und 66 Radioprogramme bezahlt wird und den Sportfans und Sportignoranten wie ich zahlen, macht’s möglich.

Doch das Bezahlmodell von Sky Sport ist für mich – als überzeugte, wenn auch manchmal kleinlich kritisierende Anhängerin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – in der Fußballdebatte das weniger wichtige Argument. Es sind die zusätzlichen Inhalte rund um die jeweils 90 Minuten auf dem Spielfeld, die entscheidend sind. Genau das hat die Handball-Weltmeisterschaft gezeigt. Denn wo waren die TV-Berichte über die Arbeitsbedingungen der Gastarbeiter im Emirat, die Politik der autoritären Herrscher und ihrer von der Scharia geprägten Gesetzgebung, die Lebensbedingungen von Oppositionellen, Frauen und Homosexuellen?

Sie spielten keine Rolle im sportlichen Pay TV. Genau bei diesen Umfeld-Themen aber ist auf den Beitrags-finanzierten Funk Verlass. Ob in Katar oder anderswo – denn der Fußball-WM-Vertrag gilt auch für andere Austragungsorte und Jahreszeiten, falls der Wüstenstaat doch noch als Austragungsort gekippt wird wegen der Hitze oder (eher unwahrscheinlich) aus politischen Gründen. Letztere spielten in der Rundfunkratsdebatte übrigens ebenso eine Rolle wie die Frage, ob man mit der mehr als korruptionsverdächtigen Fifa überhaupt Geschäfte machen dürfe.

Aber alle ehrenwerten Argumente stehen der Entscheidung gegenüber, dass die meisten deutschen Fußballfans auf Schmalkost gesetzt würden, wenn sich die politisch korrekte Anti-FIFA- und Anti-Katar-Liga durchgesetzt hätte: Nachrichtenbilder statt Spielberichterstattung. Das – so lehrt die deutlich kleinere Handball-WM – würde spätestens dann ein Eigentor für ARD und ZDF, wenn die deutsche Mannschaft sich mit Toren Runde um Runde weiter Richtung Endspiel schießt.

Ruth Lemmer, für die dju-NRW im WDR-Rundfunkrat

14. Februar 2015