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Tarifflucht bei der Westdeutschen Zeitung

Tarifflucht bei der Westdeutschen Zeitung

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Laut der Geschäftsführung der Westdeutschen Zeitung GmbH & Co. KG soll in Zukunft die publizistische Arbeit nicht mehr im Verlag selbst, sondern in einer hundertprozentigen Tochtergesellschaft, der WZ Content GmbH, im tariffreien Raum erstellt werden. Dafür sollen die Redakteure der Westdeutschen Zeitung davon überzeugt werden, freiwillig neue Arbeitsverträge in der tariffreien Tochtergesellschaft zu unterschreiben. Nur auf diesem Weg, so argumentieren Geschäftsführung und Chefredaktion, könnten die Voraussetzungen geschaffen werden, marktgerecht, flexibel und zukunftsgerecht publizistisch zu arbeiten und die publizistische Arbeit auf möglichst vielen Wegen zu vermarkten.

Die Redakteure sollen nur noch 90 Prozent des bisherigen Gehaltes automatisch bekommen, die restlichen zehn Prozent sollen als leistungsbezogen Bezahlung zusätzliche Leistungsanreize schaffen. Die Erhöhung der vertraglichen Wochenarbeitszeit von 36,5 auf 40 Stunden falle nicht ins Gewicht, da schon heute die Arbeitszeit regelmäßig überschritten werde.

Es ist überhaupt nicht nachzuvollziehen, warum nur bei einem Wechsel in den tariffreien Raum zukünftig marktgerecht gearbeitet und leistungsgerecht bezahlt werden kann. Auch bei tariflicher Entlohnung besteht durchaus die Möglichkeit, finanzielle Leistungsanreize zu setzen. Alleine durch eine regelmäßige Entlohnung der Mehrarbeit, wie sie im Tarifvertrag für Redakteure vorgesehen ist, könnten Anreize geschaffen und die erbrachte Leistung der Kollegen honoriert werden.

Aus der gesamten Darstellung der Geschäftsführung und der Chefredaktion ist kaum etwas anderes zu schließen, als dass bei der Westdeutschen Zeitung beabsichtigt wird, in Zukunft journalistische Leistung zumindest bei Neueinstellungen unter den Normen des Flächentarifvertrags für Redakteure an Tageszeitungen einzukaufen oder die Arbeitsbedingungen auf anderem Wege zu verschlechtern.  Ansonsten gibt es keinen Grund, mit der Redaktion den Bereich der tariflichen Bindung zu verlassen. Inhaltlich besteht für eine zukunftsfähige Ausrichtung der Publizistischen Arbeit und Verwertung von eigenproduzierten Inhalten keinerlei Notwendigkeit, den Verbleib im Tarif  in Frage zu stellen.

Die Ausgliederung der journalistischen Arbeit bei der WZ in eine so genannte Content GmbH ist ein weiterer Ausverkauf der journalistischen Qualität. Einziges Ziel dieser Aktion ist die Tarifflucht und damit die Schwächung der arbeitsrechtlichen Position der Redakteure. Tariflose Arbeitsbedingungen führen auf lange Sicht zu finanziellen Einbußen, unsicheren Arbeitsverhältnissen und hohem Arbeitsdruck. Jüngstens Beispiel hierfür findet sich bei der Funke-Gruppe.

19. Juni 2015